Studie der IG BCE

So tickt die Jugend

Erfolgsdruck, Angst vor Arbeitslosigkeit, niedrige Löhne – das bereitet Deutschlands Jugend die größten Sorgen. Das ist ein zentrales Ergebnis der IG-BCE-Befragung, an der sich 3000 junge Menschen beteiligt haben. 

Oliver Hoffmann/istockphoto

Uhr
23.08.2013
  • Von: Axel Stefan Sonntag
Artikel bewerten
Danke für die Bewertung
Ihre bereits abgegebene Bewertung wurde aktualisiert.

Zugegeben: Auf den ersten Blick ist eine Jugendstudie nichts Besonderes. Shell, die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung und selbst das Land Baden-Württemberg befragen mehr oder weniger regelmäßig die jungen Generationen und stellen die so gewonnenen Erkenntnisse gerne mit großem Medienaufwand vor.

Allerdings: "Die Sicht von jungen Menschen im Ausbildungs- und Arbeitsleben kommt häufig zu kurz oder wird nur unzureichend beleuchtet", erklärt Edeltraud Glänzer, Mitglied im geschäftsführenden Hauptvorstand der IG BCE. Grund genug, es anders und besser zu machen. So steht denn auch die jüngst von der Gewerkschaft selbst herausgegebene Erhebung unter dem Titel: "Leben und Arbeiten aus der Sicht junger Beschäftigter". 2735 junge Menschen im Alter von 15 bis 29 Jahren beteiligten sich an dieser Studie, über die Hälfte (54 Prozent) Auszubildende.

Ein zentrales Ergebnis der Studie: Trotz Regelungen wie dem Jugend­arbeitsschutzgesetz prägen Erfolgsdruck, Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst das Lebensgefühl von Berufsanfängern. Konkret: 70 Prozent aller Befragten fürchten niedrige Löhne, 60 Prozent nur befristete Arbeitsver­träge. "Die Angst vor Perspektiv­losigkeit sitzt tief, schließlich geht es um die per­sönliche Zukunft jedes Einzelnen", beobachtet Nadine Kirschhoch, Kon-zern­vorsitzende der Jugend- und Aus­zubildendenvertretung (JAV) der Schott AG.

Dass fast alle Lehrlinge der Mainzer an einer Unterschriftenaktion zur unbefristeten Übernahme im Konzern mitgewirkt haben, bestätige die Wichtigkeit dieses Themas. Schott als Spezialglas­hersteller hat reagiert: Der vergangenes Jahr neu abgeschlossene Haustarifvertrag mit einer dreijährigen Laufzeit sieht im Grundsatz die unbefristete Übernahme aller Azubis vor.

Die Schott-JAV hat sich damit dem laut IG-BCE-Jugendstudie wichtigsten beruf­lichen Anliegen der 15- bis 29-Jährigen mit Erfolg angenommen. Das Kriterium "Arbeitsplatzsicherheit" ist für 81 Prozent der Befragten "sehr wichtig". Es folgen "Arbeitsatmosphäre" (72 Prozent) und "Weiterbildung" (55 Prozent). Das macht klar: Auszubildende, Ausgelernte und ­Studierende wissen genau, wo sie in der heutigen Arbeitswelt Prioritäten setzen. Denn berufliche Aspekte wie "Kreati­vität", "Ansehen der Beschäftigung" und selbst "Flexible Arbeitszeiten" ordnen sie den anfangs Genannten allesamt unter.

Für 86 Prozent der Studienteilnehmer regeln Tarife die Löhne und Arbeitszeiten. "Tariflich geregelt" heißt, die Arbeitskonditionen und Gehaltsstruk­turen basieren auf dem Verhandlungsergebnis (dem Tarifvertrag) der Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretungen. Auch deshalb wissen die jungen Arbeitnehmer um die Gestaltungskraft der ­Gewerkschaften. Der Aussage "Gewerkschaften haben eine wichtige Rolle in der Wirtschaft" stimmen drei von vier Befragten zu. Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie nehmen 79 Prozent positiv wahr, die IG-BCE-Jugend sogar 82 Prozent (zum Vergleich: Bürgerinitiativen 40 Prozent, Parteien 26 Prozent, Bundesregierung 25 Prozent).

Welche Personen sich konkret am Arbeitsplatz für die Interessen des Nachwuchses einsetzen, ist jungen Arbeit­nehmern ganz überwiegend bewusst: 85 Prozent kennen die Jugend- und Auszubildendenvertretungen. Sie sind es, die in den Betrieben die Qualität der Ausbildung im Blick haben.

Wie beispielsweise Erik Volkmann, JAV-Vorsitzender von Boehringer Ingelheim am Standort Biberach. Nicht zuletzt aufgrund deren Engagements hat Boehringer einer konzernweit gültigen Betriebsvereinbarung zugestimmt, die die Qualität und Zuständigkeiten der ehrenamt­lichen Ausbilder exakt definiert. "Geregelt ist unter anderem, welche Grund­seminare neue Ausbilder besuchen müssen und welche Regeln beim Aus­füllen von Beurteilungsbögen einzu­halten sind", nennt Erik Volkmann zwei Inhalte der Vereinbarung. "Eine Schmalspurlehre oder unterschiedliche Ausbildungsstandards sind damit weitgehend ausgeschlossen."

Insofern überrascht es nicht, dass die knapp 3000 jungen Menschen auf die Frage nach den ersten Gedanken zur IG-BCE-Jugend vornehmlich mit der Aussage "Dass für meine Bedürfnisse gekämpft wird" geantwortet haben. 

Nach oben